Das Kornhaus

Das markanteste Haus an der Bürener «Ländti» ist ein ehemals bernisches Kornhaus. Dieses Gebäude blickt auf eine lange Geschichte zurück. Bestimmend ist seine Lage an der grossen Stützmauer des ehemaligen Kirchhofs auf der Nordseite der Kirche. Die heute im Restaurant sichtbare, durch den Restaurator sorgsam instand gestellte Stützmauer bestehend aus Quader aus Muschelsandstein und Tuff (bereits die dritte Erneuerung), datiert vielleicht aus dem 15. oder 16. Jahrhundert.     

An diese Stützmauer wurden - wohl bereits in früherer Zeit - Anbauten angefügt, die davon profitierten, dass nur drei Fassaden aufzubauen waren, die hintere Längsseite bestand ja bereits. Hauptzweck der Anbauten war die Erstellung von Lagerraum für die Flussschifffahrt, deren Bedeutung für den Warentransport bis gegen die Mitte des 19. Jahrhunderts weit grösser war als jene der Strasse.

1670 errichtete der Staat Bern das Ländtehaus neu als Hafenlagerhaus, oben z.T. Für Korn, unten z.T. für Wein. 1776 erfolgte ein gründlicher Umbau, wobei eine in der Zwischenzeit eingerichtete Wohnung zu einer Kornschütte umgewandelt wurde. Es entstand zur Hauptsache die heutige Gesamtform des Gebäudes mit dem abgewalmten Satteldach. Den besten Eindruck vom Aussehen vermittelt die westseitige Giebelfassade mit den Kalkstein-Fenstereinfassungen und dem Rieggiebel unter der Ründe, samt Fensterladen und Eisengitter.

1861 verkaufte der Staat das Haus an den Unternehmer Schulz, der hier und in einem nördlichen Anbau eine Ziegelei einrichtete. 1890 erwarb die Gemeinde das Gebäude, brach 1897 den Ziegeleiflügel ab und baute das ganze Haus 1902 vollständig zum Schlachthaus um. Dabei brach man auch den ersten Zwischenboden auf heutiger Galeriehöhe aus und schuf damit den, zwar abschnittsweise que geteilten, heutigen Raum. Die gesamte Nordseite systematisierte und gestaltete man als wirkungsvolle neugotische Repräsentationsfassade gegen die Aare, an welcher die neue Innenstruktur klar abzulesen ist. Hohe Spitzbogenportale wechseln mit grossen Spitzbogenfenstern, die bis zum neuen Gurtgesims reichen. Darüber ordnete man achsengleich eine Reihe von Hochrechteckfenstern an und setzte die alten Strebepfeiler in Form eigenwilliger Lisenen bis zum Dach fort. Die anspruchsvolle Formgebung der Fassade trug einerseits dem neu erwachten Verständnis für Mittelalter und Altstadt Rechnung, anderseits war sie Ausdruck der wirtschaftlichen Kraft und Bedeutung des Metzgergewerbes. Als eines der wenigen Häuser in Büren kehrt das Kornhaus der Aare die Hauptfassade zu - nicht eine Rückseite, und berücksichtigt damit die städtebauliche Situation des Hauses. Auch das Farbkleid mit den satten Rot/Brauntönen schuf man in Ablehnung des traditionellen Steingraus/Kalkweisses neu, wobei der Sockel farblich vom Fensterband oben abgehoben wurde.

2003 galt es das Innere zuerst einmal freizulegen: Einbauten. Vormauerungen und Gipsdecken verschwanden. Erst auf Grund dieser Befunde konnte das definitive Projekt ausgearbeitet werden. Es entstand das heute den Raum prägende Zusammenspiel der steinsichtigen Terrassenmauer mit den drei verputzten Seiten des Ländtehauses/Kornhauses und der kräftigen Balkendecke von 1776 auf Konsolen und Streifbalken. Aus dem Materialdepot der Denkmalpflege konnten dafür 230-jährige Eichenbalken aus dem Kornhaus Burgdorf zur Verfügung gestellt werden, weil die alten Streifbalken verfault waren. Der neue stählerne Unterzug samt Stützen nimmt das alte Tragsystem des Hauses in zeitgenössischer Form wieder auf und geht mit den anderen neuen Einbauten zusammen. Er hat auch Lasten der schönen Stützenreihe von 1776 im Obergeschoss aufzunehmen.

Bei der Restaurierung, die seit mehr als dreissig Jahren angestrebt wude und erst im 2004 zum Erfolg geführt hat, wurde einerseits darauf geachtet, die wertvolle alte Bausubstanz zu erhalten und zu restaurieren, anderseits neue Teile zeitgenössisch zu gestalten. Aus Alt und Neu entstand ein Mehrwert, Resultat der geglückten Revitalisierung eines lange brach liegenden Baudenkmals mit weit zurückreichender Geschichte. Möge sich der langsame Rhythmus grösserer baulicher Interventionene halten: 1670, 1776, 1902, 2004, ...2110?

(Text. Dr.Jürg Schweizer, kant. Denkmalpfleger, 23.11.2004)
 
 

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